Ein Sommerabend in Helsinki

 

Die Steinplatten geben noch die Wärme des Tages ab, während eine seichte Meeresbrise leichte Sommerkleider tanzen lässt. Möwen schreien im Sonnenrot. Straßenbahnen stören immer seltener die Blicke auf Schaufenster. Musik aller Art vermischt sich zu einem Weltstadtgefühl.

Einem Durchgang folge ich zu einem kleinen Hinterhof. Fünf alte Herren swingen hier zu Lammkotelett und Chardonnay.
Ich steh‘ und lausche. Unsichtbar schaue ich zu, wie „Georgia“ erklingt.
Ich bleibe.

Die rostige Stimme des Achtzigjährigen ist Melancholie und Salz.
Jeder schmeckt sie, schluckt, spürt’s im Hals.
Jeder Frau die ihn passiert küsst er charmant die Hand und gibt Sie ihr zitternd wieder.
Mancher Dame entfällt ein Tränchen, streift sie seinen verschmitzten Blick.
Welchen Bann muss dieser Alte haben, dass ihm dies bei „Sunny“ glückt?

Und der Chor der Tränen wird größer von Lied zu Lied. „It don’t mean a thing” wird Stille, unerträgliche Spannung.
Die Band spielt, der Sänger reglos.

Ein wässriges Publikum erhebt sich und ertönt an seiner statt: „Gimme freedom Lord in love“.
Ein jeder in Schwarz gekleidet, gibt ihm letzten Abschied.
Sie knien vor dem Alten nieder, umweinen, umarmen, umsingen Ihn.

Unwillkürlich singe ich mit, ein unbekanntes Lied, für einen Unbekannten.

Dann hinterlasse ich den Hof in eine Stadt, die nun Heimat ist. Heimat eines achtzigjährigen Lebens. Wo die Möwen schreien, auch wenn es Winter ist.

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