Leipzig – Wahlheimat

Leipzig 25.6. bis 1.8. 2010

Einem Jeden wird wohl heutzutage das Gefühl vertraut sein, wenn er nach einigen Tagen, Wochen, Monaten oder gar Jahren aus der Fremde zurück in die Heimat kehrt.

Es ist wohl eins der facettenreichsten Gefühle, welches sowohl von Erinnerungen als auch von Zukunftsvorstellungen getragen ist.

Nun ist Leipzig meine Wahlheimat und ich bin froh das Glück gehabt zu haben mir eine Heimat wählen zu können.

Was und wo ist Heimat?

Heimat ist, wo man sich zu Hause fühlt, zu Hause fühlt man sich dort, wo man geborgen ist, und das ist man bei Menschen, die einen lieben.

Und diese Art Mensch kann ich zum Glück nicht nur in Leipzig finden, auch in Dresden, in Görlitz, in Amsterdam, in Erfurt, in Osnabrück und in Oßling.

Also wieso ist gerade Leipzig meine Wahlheimat?

Für mich ist es der ideale Ort auch geschichtlich gesehen, also aus der Vergangenheit betrachtet, aber auch kulturell in der Gegenwart. Aber natürlich vor allem die Freunde, die ich während meines Studiums hier kennen gelernt habe, die Erlebnisse und natürlich die erste eigene Wohnung – hier in Leipzig begann mein eigenständiger Weg, mein Leben als erwachsener Mensch.

Nach 2 Jahren der Abwesenheit entdecke ich so viel Neues in der architektonischen Landschaft, allen voran der beinah vollendete neue Universitätscampus am Augustusplatz mit der erstehenden St. Paulus-Universitätskirche, die während des DDR-Regimes brutal niedergerissen wurde. Es ist schade, dass beim Gründen dieses Staates nach dem 2. Weltkrieg kein kommunistischer Idealstaat entstanden ist, so wie es sich Marx vorgestellt hatte und so wie ihn sich viele damalige Intellektuelle erträumten. Letztere suchten jedoch sehr bald das Weite, als sie merkten, dass es sich nur um eine Marionette des sowjetischen „Bruders“ handelte.

Genauso ist der idealistische Gedanke eines einheitlichen Deutschland korrumpiert worden. Erst wurde die bürgerliche Revolution von 1848 in der Restauration erstickt, dann wurde der Einheitsgedanke schließlich dazu benutzt um den preußischen Kronprinzen zum Kaiser zu erheben. Der daraufhin blühende Nationalstolz, der nie zuvor existierte schlug ins Extrem – in Größenwahn, der gleich zweimal einen bösen Sturz mit sich brachte und natürlich noch heute das bizarre Verhältnis der Deutschen zu ihrem Staate prägt.

Ganz deutlich beobachtete ich dies bei den Fußballweltmeisterschaften: Einen Monat lang gibt es ein „Wir“, darf man stolz die Nationalfahne schwenken und überall installieren, dürfen wir unser Land lieben, das doch eigentlich nur von 11 Mann bei einem Ballspiel vertreten wird. Nach dem Monat wird Nationalgefühl- und Fahne wieder für 4 Jahre in der Schublade verstaut und jeder wieder schief angesehen sobald er sich allzu euphorisch über sein Land freut. Ich frage mich, wann wird das deutsche Volk je einen „gesunden“ Nationalstolz besitzen?

Aber ich schweife schon wieder zu sehr ab. Momentan sitze ich in lauer Sommernacht auf dem Markt zu Leipzig. Gegenüber: das alte Rathaus, das berühmte Renaissancegebäude mit seinem Glockenturm im Goldenen Schnitt. 1898 wurde auf diesem Platz der Letzte Man gehängt, kein Geringerer als Büchners „Woyzeck“, den ich unter anderen Rollen hier in Leipzig zum Eignungstest für das Schauspielstudium vortrug. Ich sitze an der Ecke im „Spizz“ – ein sehr bekanntes und angesagtes Cafe, so wie es wohl „Auerbachs Keller“ zu Goethes Zeiten gewesen sein muss. Das Spizz ist auch für seinen Jazzkeller bekannt und als Student bin ich hier oft Mittwochabend zu den Boogie-Nights gegangen. Das beste Mittel um gute Laune zu bekommen und überschüssige Energien im Tanz los zu werden.

Ich schaue geradewegs auf das Gebäude südlich vom Rathaus gelegen, in dem die Stadt regelmäßig namenhafte Gäste zu betten pflegte, so auch Napoleon und den russischen Zar Peter den Großen.

Ca. 150m westlich davon erhebt sich die Thomaskirche, in deren Pfarrhaus Johann Sebastian Bach den Thomaner-Knabenchor unterrichtete, unter anderem auch Latein, was er aber so schnell wie möglich an einen anderen Lehrer abgab.

Neben der Thomaskirche war Bach auch noch für die anderen 3 Stadtkirchen Kantor: Die Nikolaikirche, die Universitätskirche und die Bethanienkirche.

Und da mir die Präsenz und das Wirken all dieser berühmten Leute in Leipzig stets gegenwärtig war, kann ich nicht umhin mir mein Portrait in einer der blanken Buntglasfenster der Thomaskirche vorzuträumen. Und auch bei dieser Träumerei stellt sich wieder die Frage: Ist es heutzutage überhaupt noch möglich wahrhaftig und dauerhaft berühmt zu werden und auch in die Geschichte einzugehen? (Mal abgesehen von der Frage, ob das überhaupt wichtig ist!)

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Wahrscheinlich muss man dazu erste Kanzlerin der Welt werden, wie die unsrige: Frau Merkel, die ebenfalls hier in Leipzig studierte und auch kellnerte, wie die nette Bedienung hier im Spizz. Tja, niemand weiß eben, ob und in welche Richtung sich das Potential  eines jeden Einzelnen entfalten wird, welches zweifellos in ihm steckt, nur Gott weiß dies!

Ich bin nur erstaunt über Alexander von Humboldt, dessen gesammelte Werke ich zurzeit lese. Dieser war schon mit 30 Jahren so gebildet, dass er schon dafür in ganz Europa bekannt war und schon da als halber Universalgelehrter galt. Und dabei könnte man heute 100mal effizienter lernen, da wir schneller reisen und schneller Zugriff auf Nachschlagewerke, das Internet eingeschlossen, haben. Zudem sind die politischen  Hindernisse zumindest für einen Europäer wesentlich geringer als damals. Und dennoch würde ich in 3 Jahren selbst bei größter Anstrengung nicht halb so viel wissen wie er. Oder etwa doch? Hat sich unser Wissen nur in andere Richtungen gewagt? Gibt es nur einfach nicht mehr so viel „Neues“ zu entdecken, dass wir weniger neugierig geworden sind bzw. erstreckt sich unsere Neugier nur in andere Gebiete wie Informatik und den Mikrokosmos? Verlieren wir den Bezug zur Empirie und der damit verbundenen Wissenschaft?

Ich hoffe, dass ich eines Tages als Doktor nach Leipzig zurückkehren kann und als Wissenschaftler und Künstler und Mensch mit offenen Augen Antworten auf all die Fragen bekommen kann.

 

Paris und seine Geschichte

13.5.2010:

 

5Tage für mich und 2 Tage für Josephin in der Stadt der Romantik, der Liebe, der Kunst – dem Herz Frankreichs.

Da wir nun den Himmel befahren können, wird die Erde darunter so klein.

Vor 1 Woche noch in Wien per Zug, sitze ich nun in schwindelerregender Höhe über Paris, aber nicht im Flugzeug, sondern im Tours Montparnasse in der 56. Etage.

 

Vor 11Jahren berechnete ich hier auf dem Dach die Fallbeschleunigung eines 1-Pfennigstückes mit meiner Physiklehrerin Frau Puschbeck, und ob dieses ein Autodach durchschlagen könne. Wir kamen zu dem Schluss, dass es in Vakuum möglich ist aber nicht in der Atmosphäre mit Luftwiderstand.

Zum Glück widersteht die Luft nicht dem herrlichen Ausblick. Das Wechselspiel von Licht und Schatten, welches über die Silhouette huscht, betont mal dies und mal jenes Stadtviertel. Am zauberhaftesten erscheint der Montmartre mit der glänzenden Sacre Coer Kapelle. In diesen weiten, modellhaften Häuserdschungel werden wir das Himmelfahrtswochenende verbringen. Ich bin gespannt was mein 3. Besuch dieser Metropole so mit sich bringt.

 

16.5.2010:

 

Phinie habe ich heute früh schon wieder zum Flughafen in Orly bringen müssen und ich wandel nun für heute und morgen wieder allein durch die Stadt der Liebe – oder wie Josephin es noch mal betonte, der Kunst! Ich widerspreche ihr da nicht, denn zu lieben – und zwar Jeden – ist wohl die größte Kunst! ?

Nun ist die Geliebte bereits in der sächsischen Heimat (in die ich in 2 Wochen nachfolgen werde) und ich sitze bei Schmacht-Musik von Louis Armstrong einsam die Leute beobachtend im Starbucks.

Ja, ich weiß es wird langsam zur Gewohnheit, schließlich verbrachte ich in Wien auch schon einige Großstadtstunden in dieser amerikan. Kette und eigentlich bin ich dagegen. Aber die Musik passt zum sinnierenden Gemüt und auch viele Studentinnen und Schülerinnen wissen dieses Etablisement in Österreich wie in Frankreich als Mensa-Ersatz  zu schätzen. Natürlich bin ich nicht ganz allein, Johann Gottfried Seume und mein Namensvetter Alexander v. Humboldt sitzen mir rücklings auf den Schultern und wissen ebenfalls von ihren Reisen aus der Ich-Perspektive zu berichten. Sie besaßen keine Jazzmusik und auch Mozart und Beethoven die damals ihre Werke uraufführten und Zeitgenossen waren dachten damals noch nicht daran in IPods mitgenommen werden zu können. Aber ihre klassizistische Ausbildung und ihr geschultes Auge, sowie überlebten Strapazen gaben ihnen die Möglichkeit präzise Beobachtungen ausgezeichnet in Worte zu fassen. Und mit dieser kleinen Hommage kann ich nicht umhin und nähere mich ihnen epochal indem ich in wildromantischen Fantasien über die damalige Zeit schwelge. Neben der Blüte der großen deutschen Komponisten trugen Männer wie Lessing, Schiller, Goethe, Schilling, Hölderlin und Hegel mit ihren Sturm und Drang und den Gedanken an eine geeinte Nation zu einer aufgeklärten Weltanschauung bei, die genau hier in Paris ihren Impuls hatte. Die große Revolution 1789 mit dem Sturm auf die Bastille beendete den blasphemischen Absolutismus und gab Männern aus dem Volk wie Robespierre oder Napoleon die Gelegenheit die Macht genauso zu missbrauchen. Aber dennoch waren die Augen geöffnet, das Volk war sich nun einer eigenen Macht bewusst, solange sie ein gemeinsames Ziel, einen Führer hatten.

Auch die Wissenschaft trug dazu bei die Vormundschaft durch Kirche und Staat zu überwinden. Die Gebrüder Montgolfier starteten die ersten Heißluftballons, ebenfalls hier in Paris. Napoleonische Feldzüge brachten Geld in das Zentrum Frankreichs und somit wuchs Paris um Menschen und weitere Prunkbauten. Es war ein großartiges Zeitalter, Amerika wurde unabhängig, Kolonien überall in Übersee wuchsen und brachten neue Güter nach Europa – Stoff für neues Handwerk und Kunst. Dies ließ die Gedanken der einfachen Leute reifen, die wiederum die ganze Welt veränderten. So inspirierten sie Jules Verne zu seinen Abenteuerromanen (20000 Meilen unter dem Meer, Reise zum Mittelpunkt der Erde etc.).

Heute finden wir nun alle Menschen der Welt samt ihrer Kultur und Kunst hier in Paris beheimatet. Museen, die indische, afrikanische, ägyptische (die Franzosen sind auch schon immer hervorragende Archäologen und Geologen gewesen), chinesische und indonesische Skulpturen und Gemälde zeigen, zieren die Stadt und verschaffen ihr zurecht den Namen Stadt der Kunst. ? Nicht zuletzt wird hier erschaffen was die Frau und der Mann von morgen zur Schau tragen werden.

Josephin ist um ein echtes Pariser Kleid reicher. Die 2 vergangenen Tage mit ihr waren wirklich schön. Ich hatte jeweils im Voraus die Tage geplant. So haben wir am ersten Tag das Quartier Latin besucht – das alte Universitätsviertel, welches heute zahlreichen Cafes und Crèperien und Touristenläden bestimmt wird und in dessen Trubel sich die gotische Kirche des Heiligen Severus erhebt. Folgt man einer der vielen Seinebrücken auf die Ile de la cité, so findet man sich direkt vor dem beeindruckenden Bau der Notre Dame de Paris wieder. Auch wenn die Kathedrale erst frisch „entwittert“ wurde und in makellosem hellen Sandstein in der Sonne blitzt, so ist sie doch bereits 1164 begonnen worden. Genau heute habe ich dort an der Sonntags-Gottesdienstmesse teilgenommen. Mich hat wieder einmal die strikte Liturgie der Katholiken erschrocken. Und als alter, reformierter Halbsachse muss ich gestehen, dass es mir schwer fällt zu glauben, dass innerhalb dieser Regeln die Liebe zu Gott zur Entfaltung kommen kann. Da lobe ich doch meine freikirchliche Gemeinde in Amsterdam, wo eben Nämliches im Zentrum stehen soll. Umso erheiternder las ich einen spöttelnden Vers in Seumes Reisebericht von Grimma nach Syrakus über den Papst, als er sich in Italien aufhielt.

Am vergangenen Freitag zogen Josephin et moi dann Richtung Centre Pompidou weiter. Das Museum für Moderne Kunst, selbst ein moderner Bau, der mit all seinen Stangen und Röhren an einen riesigen Hamsterlaufstall erinnert, ist bekannt für sein zentrumnahes Panorama über der Stadt. Diesen genossen wir auch beim Lauschen fernöstlicher Musik, die vom Vorplatz zu uns herauf drang.

Ich sage nur: 4 Stunden Louvre!

Etwas geistig als auch physisch Überfordernderes gibt es wohl kaum, besonders am Ende eines bereits gefüllten Tages. Wir nahmen uns die Gemäldesammlung vor und bedachten den Abschluss mit der Besichtigung der berühmten Mona Lisa, sowie der Krönung von Kaiserin Josephine durch ihren Gemahl Napoleon Bonaparte im Notre Dame de Paris. Wie sich jedoch schnell herausstellte hatten wir die Ausmaße dieses riesigen ehemaligen Schlosses und seiner Sammlungen hoffnungslos unterschätzt. Während wir uns für die ersten 3 Zimmer noch 1 Stunde Zeit nahmen und beinahe jedes Gemälde gemeinsam erörterten, so nahm unsere Interpretationsgeschwindigkeit von Bild zu Bild und bald von Saal zu Saal von Flügel zu Flügel zu. Mit nahezu leerem Verstand beglotzten wir dann die abschließenden Meisterwerke von da Vinci und David.

Bei Kaffee und Tee vitalisierten wir uns wieder, unterstützt von einem Live-Jazz-Quartett in einem „Salon de Thé“.

Gestern nahmen wir dann beginnend an der l’Opera – den größten, europäischen Theater- und Prunkbau von 1879, in dem nur noch Ballett aufgeführt wird- das Viertel des Montmartre in Angriff. Da Josephin, inspiriert Malerbiografien und selbst Kreativistin, großes Interesse an der bildenden Kunst hat. Zudem stellt der Montmartre einen schönen Kontrast zum prunkhaften Zentrum der Stadt dar, da es sich einen idyllischen/ländlichen Charakter erhalten hat, den zahlreiche Künstler auf Leinwänden mit Acryl und Öl festgehalten haben. Der noch relativ junge Bau der weithin sichtbaren, schneeweißen Basilika „Sacre Coer“ wurde nach dem 1. Weltkrieg dem Herzen Jesu geweiht, nachdem der Bau ursprünglich nach dem Krieg gegen Deutschland 1870/71 als Mahnmal für selbigen entwickelt wurde. Der Berg bietet auch einen eindrucksvollen Ausblick auf die Stadt, fern von Lärm und Moderne.

Abschließend besuchten wir gemeinsam das heutige Wahrzeichen von Paris – den Turm des Architekten Gustav Eiffel. Dieses Stahlwunder der Industrialisierung wurde zur Weltausstellung gebaut und 1896, ein Jahrhundert nach Napoleons Machtergreifung, fertig gestellt. Meine Freunde Humboldt und Seume diesen Giganten also noch nicht, dafür aber den anderen! ?

Bei meinen 2 Parisaufenthalten zuvor war ich dem Tours Eiffel nie wirklich nahe gekommen, wenn man dann aber wirklich direkt davor steht und von all den Verkäufern umschwirrt wird, die einem ihre Miniaturtürme aufdrängen wollen, dann, ja dann bekommt man noch mal einen ganz anderen Eindruck dieses Turmes, als es die Sicht aus der Ferne erlaubt.

Im Sonnenuntergangslicht fuhren wir dann ein Stück oberirdische Untergrundbahn – wie es so häufig in Berlin oder Amsterdam der Fall ist – Richtung Hotel zurück. Dahin werde ich auch die kommende Nacht noch ein letztes Mal zurückkehren. Es liegt außerhalb des Stadtringes und ist recht günstig. Und mir gefällt die Pariser Vorortsatmosphäre, die auch einen eher ländlichen Charakter inne hat.

Aber bevor es soweit ist, werde ich mich noch zu Europas größtem Lichttheater von 1930 begeben, das im prächtigen Jugendstil geschmückt ist und 2750 Menschen aufnehmen können soll.

 

17.5.

 

Heute ist ein typischer Abreisetag. Die Ruhe für konkrete Unternehmungen fehlt mir, aber sinnlos verstreichen soll der zusätzliche Tag vor meinem abendlichen Rückflug auch nicht. So beschloss ich weitere Kilometer spazierend in der Stadt zu verbringen, diesmal jedoch zusätzlich meiner Reisetasche. Der leichte Irrgang führte mich an sehr vielen Kirchen vorbei, die ohne Ausnahme die Größe einer Kathedrale einnahmen. Auch das geistliche Leben hat in Paris nicht gespart, weder mit Geld noch Präsenz. So gibt es z. B. allein im nördlichen Paris 8 Synagogen! Während das Christentum eher durch den Katholizismus vertreten ist. Was den Historiker wohl auch nicht überrascht, wenn man an die Verfolgung der Hugenotten denkt, deren Name ursprünglich von den deutschen Eidgenossen kommt und nur durch die französische Aussprache über die Zeit zu Hugenotten wurde.

Nun drücke ich mich noch die letzten Stunden in der Gegend um den Gare du Nord herum, bis ich 16:30Uhr den Zug zum Flughafen Charles de Gaules nehme.

Nach 1Stunde und 10Minuten hat mich Amsterdam wieder und ich kann eine gewisse Vorfreude auf meine WG und mein schön eingerichtetes Zimmer nicht leugnen.

Wien – drei Besuche

4.5. 2010

Zum 3. Mal bin ich nun in dieser Kaiserstadt und wohne dementsprechend auch auf der Kaiserstraße, allerdings in einem einfachen Hostel, das nichts weiter als eine mit Betten ausgebaute Altbauwohnung ist.

Vor 9 Jahren war ich mit Gregor zum ersten Mal hier. Wir hausten in der (Kirch-) Turmherberge „Don Bosco“ in der Nähe des Prater und besuchten neben dem eintürmigen Stefansdom auch Schönbrunn und die Kapuzinergruft.

Mit Gregor zu reisen bedeutet auch immer eine Geschichtsreise zu machen, ich habe schon viel durch ihn erfahren und bin sehr dankbar dafür.

 

Mein 2. Besuch ist 8Jahre her, als ich nach einem 2-wöchigen Ungarnurlaube mit Uta und Chrissie durch die Wiener Straßen kutschierte und das Naturkundemuseum besuchten.

Nun sitze ich gegenüber der Staatsoper in der meinem Erachten nach unter anderen die „Zauberflöte“ von Mozart uraufgeführt wurde. Damals war sie nur ein mäßiger Erfolg und wurde dann dennoch schnell zur meistaufgeführten Oper der Welt.

 

Eigentlich wuchs ich in der Welt der Oper auf, wie wenig doch von all dem Wissen und den Erinnerungen übrig geblieben ist. Stattdessen bin ich nun Doktorand auf einer naturwissenschaftlichen Tagung. Zwar wird dort auch viel geschauspielert, aber die Musik ist eben eine andere. Was nicht schlechter bedeutet, nur eben weniger melodiös.

 

Immer wieder fällt mir auf wie prunkvoll und reich die Gebäude dieser Stadt sind.

Der überwiegend klassizistische Baustil erzählt von der blühenden Kaiserzeit des 19.Jhds. Allerdings reden alle Eindrücke gleichzeitig auf mich ein, sodass mir oft schwindelig wird und ein Verständnis fürs Detail verbaut ist. Aber diese architektonische, pompöse Kunstflut macht Wien gerade aus.

In gewisser Weise erinnert es mich dadurch auch oft an Paris und steht wiederum in vollem Kontrast zu Amsterdam, welches aus kleinen, schmalen Grachtenhäusern besteht, die gegen die grauen Riesen hier fast zierlich wirken.

 

Heute Mittag habe ich die Ruprechtskirche besucht. Sie stammt aus dem 11.Jh. und ist in schlichtem, romanischem Stil erbaut. Nah an der Donau gelegen war sie früher Bittstätte für die „Flussfahrer“.

Inzwischen ist die Donau durch Begradigung gezähmt. Und sollte sie einst dagegen aufbegehren so hat der Wiener auch dagegen einen Flutungskanal erdacht an den sich seit ca. 10 Jahren mehr und mehr Restaurants tummeln. Letztere sind unser all-mittägliches Ziel während der Tagung und werden im Volksmund „Copa Caprana“ genannt.

Die Tagung ist die größte, die ich bislang besucht habe. European Geoscience Union – EGU.

So heißt sie und findet alljährlich in Wien statt, im Austria-Center das die 10000 Wissenschaftler beherbergen kann.

Am Freitag (7.5.10) werde ich meinen Vortrag halten. Aber bis dahin werde ich die Stadt des ehemaligen österr. Habsburger-Reichs noch näher kennenlernen.

Australien 2006

Unser Leben beginnen wir mit einem ersten Schrei.

Eine Reise beginnt mit einem ersten Schritt.

War mein erster Schritt die E-Mail nach Australien? Oder vielleicht das Betreten des Zuges nach Berlin bzw. des Flugzeugs hier nach London?

Das ist das Interessante am Reisen – wann fängt es an, wann hört es auf? Ein Rätsel wie beim Ergründen des Schlafs!

 

Montag 3.7.2006 Berlin:

Pünktlich kam ich am Flughafen Tegel an, da ich drei Monate zuvor die Gelegenheit hatte mit Nele zu üben, als Sie Anfang April nach Oslo flog.

Als Sechseck aufgebaut, besitzt dieser Flughafen eine durchaus überschaubare Struktur.

Nachdem ich die letzten Telefonate mit Freunden und Verwandten getätigt hatte, die mir alle zusammen so viele gute Wünsche mit auf den Weg gaben, dass man es im Paradies nicht besser haben könnte – konnte ich mit gutem Gefühl an Bord des Airbus 320 gehen. Um aber nicht zuviel Vertrauen zu verbreiten zeigte das Titelblatt einer kostenlosen Tageszeitung die ich sogleich mitnahm, ein Flugzeugwrack mit der Schlagzeile: 5 Leute tot! Flugzeug über Wasser abgestürzt!

Na da geht man doch gern an Bord!

 

Montag 3.7.2006 London:

Nach einem angenehmen Flug mit gratis Baguette und Kaffee plus Mousse au chocolat, war endlich die Themse als einladender Arm der Britischen Inseln zu sehen. Da ich – wie fast immer – großes Glück mit dem Wetter hatte, konnte ich London in ganzer Pracht bewundern: die vielen vorgelagerten Backstein-Einfamilienhaussiedlungen und dann das Zentrum mit Towerbridge und auch dem Schloss (Windsor?). Zudem in einer herrlichen Sonnenuntergangsbeleuchtung, dass die umliegenden Felder in einem kräftigen Grün erstrahlten.

Bei all dieser Schönheit musste ich dennoch daran denken, wie wohl einst deutsche Kampfpiloten genau diese Strecke geflogen sein müssen bevor sie in ein tödliches Gefecht stürzten, wo nur Überleben statt Leben Bedeutung hatte. Wie können nur so viel Menschen auf einmal so blind sein und die grausamsten Verbrechen aneinander ausüben?

Meine Ankunft am Flughafen Heathrow war von ähnlichem doppelseitigen Geschmack. Zunächst erschreckende harte Sicherheitsmaßnahmen mit entsicherten Maschinengewehren, die mit kaltem Lauf meine Schritte zu verfolgen schienen, dass sie von allein beschleunigten.

Aber als ich durch die „Ankunfts-Zone“ kam lachten mir erwartungsvolle wie gestresste oder gelangweilte Gesichter entgegen mit Schildern in unterschiedlichsten Sprachen und noch mehr Namen darauf. Ich glaube wenn ich ein Bild zu dem Wort „Internationalität“ oder „Multikulturell“ vor Augen habe, dann dieses! Hinter der Absperrung standen kleine jüdische Knaben mit ihren typischen locken, die über die Ohren hängen, sah gleich daneben stehend rothaarige Iren, charakteristische Afrikaner, füllige Inder mit Turbanen, strahlende Asiaten und hochgewachsene blasse Russen, dicke Amerikaner und natürlich den trockenen Engländer im Anzug!

Ich habe 16 Stunden Zeit hier in London – warum sie nicht nutzen? So beschloss ich eine Nacht in der „City“ zu durchleben und – sollte nicht enttäuscht werden. Nach einer einstündigen Fahrt in der Londoner Underground ins Zentrum und zahlreichen Kollisionen mit anders- (links-) verkehrenden Menschen ? bot sich mir ein Nachtleben, wie es für eine Europa-Metropole so typisch und immer wieder herrlich und faszinierend ist. Der erste Eindruck als ich aus dem Untergrund des Leicester Square empor stieg war ein Gemisch zwischen Wien und Paris aber natürlich durchaus eigen. Wenn einen die Doppelstockbusse halb überfahren, weil man nicht nach rechts guckt als dummer Festländer ?, trotz großer auffällig angebrachter Warnschilder die darauf verweisen. Nachdem ich meine Fotografiewut einigermaßen befriedigt hatte, beobachtete ich die flanierenden Menschen genauer.

Kunterbunt: elegante, alltägliche, Studenten, Bettler. Während die Locations recht teuer wirken – zu gern wäre ich auf den Eingang eines „High-Society-Clubs“ zugegangen nur um zu sehen wie die wichtigen, coolen „High-Tech-Gorillas“ auf meine naive Selbstverständlichkeit reagieren, aber das blieb dann doch nur eine Idee meiner Fantasie.

Nun sitze ich inmitten von Studenten am Brunnen des „Picadilly Circus“, vor allem viele Franzosen auch mit Gitarre sitzen hier. Es erinnert mich ein bisschen an die  Parkstimmung wie in Leipzig nur eben mitten in reichen, prunkvollen Zentrum der Stadt! Wie schön!

Ich habe versucht London noch ein wenig zu erkunden aber die Straßen scheinen mir zu verlassen und dann greift die Armut schnell um sich und tritt in den Vordergrund. 4 Mal wurde ich nach „Kleingeld“ gefragt und drei Mal, ob ich ein Taxi möchte. Ich dachte: na ja mit deinem Laptop und dem Rucksack auf dem Rücken sehe ich ja auch so aus als bräuchte ich eins. Aber bald schon folgte immer die Frage darauf: „..or do you want girls?“ Also sollte man bei einer Taxibestellung ab 2Uhr immer mit zusätzlichen Fahrgästen rechnen!

Ich glaube ich habe einfach zu viel Zeit in dem Gespräch mit der Französin verbracht? Und so wurde es nun zu spät zum Umherlaufen. Also habe ich mich dem Schutz der Herde angeschlossen. Hier am Brunnen trommeln afrikanische Kongaspieler mit Gitarrenlatinos – eine schöne familiäre Atmosphäre. So wurden zwei wirklich coole Studenten mit Kopftuch auf etc. meine Freunde, nachdem sie zu meiner Rhythmusgitarre einen genialen Rap nach dem anderen hinlegten. Sie sprachen beide deutsch, da der eine aus Köln und der andere in Österreich verbracht hatte. Sie studierten nun aber beide fest hier. Als ich meiner Verwunderung über ihre Sprachkenntnisse Ausdruck verlieh, meinten sie ganz trocken das ist eben London – ganz international.

Ich schrak hoch, hatte ich meinen Flug nach Singapur etwa schon verpasst?

Eine gewisse Panik beklomm mich, als ich so in der Flughafentoilette erwachte. Die Uhr zeigte 8.15Uhr, alles gut, der Flug würde in 4 Stunden beginnen! Ich kämpfte noch mit einigen solcher Schreckmomente, wie es für den Sekundenschlaf so charakteristisch ist, bevor ich die recht volle Boing 747 bestieg.

Meine Mutter hatte ja so recht: „Der Körper nimmt sich schon was er braucht.“ In meinem Fall war das lange unterdrückter Schlaf.

 

12 Stunden Flug:

Aufgrund eines hohen Kinderanteiles im hinteren Economy-Teil der Maschine – wo ich saß – stellte sich erst mit dem Erreichen der Nachtgrenze eine schlafbare Ruhe ein und selbst hier – gegen meine Erwartung – fand ich nur unzulänglich Schlaf. Aber ich sollte dafür bald auch dankbar sein.

Ich erwachte – diesmal weniger schreckhaft – in einer entspannten schlafenden Flugmannschaft, nur das Rauschen der Turbinen. Da nahm ich seltsame Reflexionen an den Flugzeugscheiben wahr. Ich dachte erst irgendein Kind spielt mit einer Taschenlampe, bis ich feststellte, dass der Grund außerhalb des Flugzeuges lag.

Wir überflogen – leicht seitlich versetzt – ein Sommergewitter, kurz vor der indischen Halbinsel. Man muss wissen, dass ich seit meiner Kindheit schon immer von Gewittern fasziniert war, aber dieses Erlebnis überbot alles! Die Blitze hier oben waren richtig in die schwarzen Turmwolken gebettet und waren auch nicht so selten wie man es am Boden beobachtet, sondern zuckten unaufhörlich, wie das „Flackerneonlicht“ einer Disco, nur tausendmal schöner! Man sollte sich eher einen großen dunklen See bei Nacht vorstellen, über dem tausende von Glühwürmchen schweben, nur das dies hier bis zum Horizont verteilte, zuckende Blitze waren. Ein einmaliges Erlebnis! Ich war auch erstaunt über den Qualitätsfortschritt von den Langstreckenflugzeugen, während ich 2001 noch gemeinschaftlich auf einen großen Bildschirm in einigen Metern Entfernung schaute, so hatte jetzt jeder seinen eigenen Monitor im Vordermannsitz integriert. Hier kommt man nicht mehr etwa acht verschiedene Spielfilme schauen und die Flugroute selber betrachten, nein – außerdem bot es acht weitere Fernsehkanäle und vor allem sechs verschiedene Computerspiele, die mit einer Konsole – im Sitz integriert zu bedienen gingen. Dazu konnte man zahlreiche warme Speisen mit frischen Obst und Gemüse zu sich nehmen und wenn man wollte mit einer „Bloody Mary“ oder einem „Wild Russian“ endgültig in den Himmel saufen. Und dies alles bei rund 1000km/h und 12000m Höhe! Als ich auf die Flugzeugtoilette ging, stellte ich es mir vor, wie es wäre, wenn man hier einen Glasboden hätte und eben diese 12000m tief hinunter blicken könnte, auf die Lamettaketten und pulsierenden goldglitzernden Städternetze in der Nacht. Zum Glück schlief ich diesmal nicht auf der Toilette ein, denn draußen wartete bereits eine Menschenschlange sehnlichst auf meine Rückkehr – 18 Toiletten für rund 750 Passagiere – da beneidet man schon mal ein Baby um seine Windeln!

 

Singapur 5.7.06  8Uhr Ortszeit:

Aus dem Flugzeug heraus blickend erwartete mich typisch tropisch rote Erde, dazu fast türkis grüne, über Hügel erstreckende Wälder, die aussahen als hätte man sie frisch gekämmt, denn sie wurden über eine riesige Fläche so ordentlich künstlich angepflanzt um die Insel vor Wind- und Wassererosion zu schützen. Dies alles wurde von einen Wohlvertrauten tief dunklen Blau umrahmt – dem Indischen Ozean.

Diesmal entschloss ich mich im Flughafen zu bleiben auch wenn ich wieder 13 Stunden Aufenthaltszeit hatte, zum Glück tagsüber.

Der Flughafen von Singapur schien sich dafür auch durchaus gut zu eignen. Durchweg mit Teppich ausgelegt und echten Pflanzen (natürlich Palmen, Kakteen und andere großblättrige Wasserspeichernde Lebewesen) ausgestattet, dass man sich einfach wohlfühlen musste. Insgesamt wirkte der Flughafen eher wie ein riesiges Wohnzimmer mit vielen verschiedenen Fernsehern, die alle die Niederlage von Deutschland gegen Italien im Halbfinale zeigten! Kaum verlasse ich Deutschland scheint es schief zu gehen, ich möchte nicht wissen was für eine Friedhofsstimmung Deutschland gestern durchzogen haben muss, da sich doch die Nation endlich mal feiern konnte – nun war die Euphorie leider schon vorüber….

Aber das „Wohnzimmer“ barg auch positive elektrische Geräte wie kostenlosen Internetzugang und einen unelektrischen Schlafraum in dem ich mich notwendigerweise am meisten aufhielt.

Während ich hier schreibe und wir die 18Uhr Marke am Äquator überschreiten geht hier bereits die Sonne unter – bei 29°C.

Wenn ich mir die Menschen besehe so könnte ich meinen hier ist die Welt normal – keiner ist wesentlich größer als ich! 🙂

Vor dem Betreten des Gates hatte ich nochmal die Gelegenheit Gitarre zu spielen, eine französische Urlaubsjugendgruppe besaß eine und lieh sie mir für ein paar Minuten.

Allmählich glaube ich habe ich gut daran getan darauf zu vertrauen, dass ich von anderen die Gitarre leihen kann, denn bis jetzt verging kein Tag ohne Gitarrespiel.

Bei der Kontrolle waren sie hier dagegen alles andere als spielerisch!

Ich wurde meiner gesamten Maniküre beraubt inklusive Plastikzahnstocher. Als ich dann zu argumentieren anfing, dass ich mit meinen Stiften in der Federtasche genau das Gleiche machen könnte. Antwortete mir die hübsche aber giftige Sicherheitsbeamtin: wenn ich wolle könnte sie mir die auch wegnehmen. Mit Charme war also offenbar nichts zu machen, so blieb mir nur die Schadenfreude, als sie beim Durchsuchen meines Rucksacks voll in die vergammelten Butterbrote griff und ihr ein „Uäh!“ entfuhr; ein Grinsen konnte ich mir natürlich nicht verkneifen.

 

Flug Singapur-Darwin 21:25 bis 3:25Uhr:

Der scheinbar längste Flug von allen, da dies nun der letzte war. Die tatsächlichen 4 Stunden waren eine Qual zwischen Wachen und Schlafen, wer dieses Gefühl kennt weiß was ich meine….

An dieser Stelle wurde ich von einem verschlafenen, mühsam grinsenden, aber gemütlichen Brummbär-Studenten mit rot-unterlaufenen Augen beim Schreiben unterbrochen, der mir so schnell es ging mein Zimmer zeigte. Da wir beide nichts sehnlicher als Schlaf wollten, ging alles kurz und nahezu wortlos aber nett zu. Aber ich will der Reihe nach erzählen…

 

Donnerstag 6.7.06  4Uhr, erster Tag in Darwin:

Ich kam also 4Uhr früh in Darwin an, etwas verspätet, da das Flugzeug noch mal in Singapur durchgecheckt wurde.

Nach all dem langen Warten auf mein Visum, dass ich dann nur für 4 Monate bekam, schien mir die Einreisekontrolle recht oberflächlich. Vielleicht lag es an meinem Charme (mit 4 Tage alten, ungewechselten Sachen, aber netten Lächeln), dass mich die junge, hübsche Beamtin nur einmal ganz genau und errötend mit meinem Reisepassfoto verglich und nur kurz bestätigend nachfragte, ob ich hier studieren würde und dann durchwinkte. Dafür 8 Wochen zu warten schien mir pure Ironie!

Als nächstes war ich gespannt, ob mein aufgegebener Rucksack wirklich mit mir zusammen gereist war und nun gleich auf dem Fließband vor mir auftauchen würde.

Aber wie ich es schon befürchtete, wartete ich umsonst, das Flugchaos war einfach zu viel für das Bodenpersonal, besonders durch die langen jeweiligen Aufenthalte. Als ich dann als Letzter – es war bereits 5 Uhr – die nette Dame am Vermisstengepäckschalter erreichte, wusste Sie bereits wo mein Rucksack abgeblieben war und ich bekam es dann am Folgetag morgens zugestellt. Das bedeutete noch einmal Mittags- und Abendschlaf in den selben Klamotten!

Ich nahm ein Taxi, während ich die ganze Zeit grinste – so allmählich realisierend, dass ich nun tatsächlich am Ziel war! So zog an mir das nächtliche Darwin vorbei. Der Taxifahrer muss gedacht haben ich bin wahnsinnig. Er warf mich an dem Office des NFIH raus und war froh als er sein Geld einstecken und umdrehen konnte….

Ich ging ein paar Schritte und hielt dann an, es war inzwischen 5:50Uhr. Und ich lauschte einfach in die blasser werdende Nacht.

Der Vogelgesang war so total anders, eben tropisch! Kein Amselgezwitscher oder Buchfinkschmettern. Es waren richtige urige Laute, wie von Kakadus und Papageien – ja ich war in einer anderen Welt angekommen und ich lachte!

Nachdem ich ein paar Stunden geschlafen hatte ( von 6 bis 14Uhr) machte ich mich auf Lindsay – meinen australischen Betreuer auf dem direkt gegenüberliegenden Campus zu suchen.

Am Anfang hatte ich wirklich große Mühe und ich musste mich mindestens 5Mal durchfragen. Denn Darwin oder genauer Casuarina, wie die Gegend nördlich der Uni heißt (benannt nach den Kasuarinen=Strandkoniferenart) ist dem US-Bild sehr ähnlich: maßgeschneiderte, lange Straßen mit monotonen betonierten Gehwegen, die eigentlich keiner benutzt, da der Australier sowieso nur alles mit dem Auto erledigt.

Der Campus besteht aus über 40 modernen Gebäuden mit unterschiedlichen, teilweise originellem Aufbau, aber für einen Neuankömmling ein hoffnungsloses Labyrinth. Einzig allein die schönen verschiedenen Parkanlagen halfen bei der Orientierung.

Lindsay ist ein sehr netter und gemütlicher, großgewachsener (meine Oma würde „stattlich“ sagen), dunkelhaariger, lächelnder Australier um die 40. In kurzen Hosen und schlichten Hawaiihemd nuschelt er mir auf dem Bürostuhl seinen Slang als herzliche Begrüßung entgegen.

Er hat eine nette Frau – ebenfalls an der Uni als Lehrer tätig – aber sie haben keine Kinder.

Nach einer Einführung in Lage und Situation meines möglichen Projekts gibt Lindsay mir erst einmal 4 Tage zum akklimatisieren frei. Am Dienstag wollen wir Des Yinfoo treffen – mit dem ich auch schon E-Mail-Kontakt hatte.

Auf Lindsays Empfehlung hin begebe ich mich noch am selben Abend meiner Ankunft in das Zentrum von Casuarina um einzukaufen und um später vor allem nach Mindill Beach zu fahren, wo jeden Donnerstagabend Markt gehalten wird.

Als sich einsam fühlender Fußgänger erreiche ich Casuarina-Mall nach reichlich 10 Minuten – allein Essen finde ich keines!

Also ging ich hungrig an den vielen Läden mit Klamotten und allen möglichen Bimbam vorbei um auf ein blondes, kühles, zierliches Mädchen mit großen Augen zu treffen, der ich 2 Muffins abkaufe, die anderen 2 „Muffins“ beschaue ich natürlich nur flüchtig… ?

Ähnlich wie in Italien, schaut man nicht auf den Busfahrplan, sondern stellt sich einfach hin und unterhält sich mit jemandem oder geht einer anderen Tätigkeit nach bis der Bus eben irgendwann erscheint. Haltestellen werden auch nicht angesagt, sondern man ist auf den Busfahrer angewiesen. Aber günstig ist die Fahrt allemal!

Glück begleitet mich schon mein ganzes Leben und so schaffe ich es auch pünktlich – mit ein wenig rennen – zum Sonnenuntergang am Strand, am Meer zu sein!!!

Jedes Mal gibt der Blick aufs Meer dem Menschen ein Gefühl von Freiheit, von Fernweh, Sehnsucht und Unendlichkeit, ähnlich wie der Blick in den Sternenhimmel – ich hatte bald schon beides, in Begleitung von faszinierenden Rhythmus und Dideridooklängen.

 

Freitag 7.7.06:

Wider meines Vorhabens bei dem schönen Wetter ( welches jeden Tag herrschte) etwas zu unternehmen, hielt mich das Jetlag fest im Griff und ich schlief bis 14Uhr. Zur Verteidigung muss ich erwähnen, dass ich des Nachts von 2 bis 6Uhr wach lag – ehrlich gesagt dachte ich immer bei mir wäre wachliegen unmöglich – länger schlafen ja, aber wachliegen? – Nein!

Ich hatte mich mit Lindsay gegen Nachmittag verabredet, traf 14:30Uhr im Science-Gebäude Nummer 42 ein und stellte fest, dass erst Mittagszeit für die Wissenschaftler dort war. Lindsay zeigte mir die Labore, in denen sie versuchten Fische auf wissenschaftliche Weise umzubringen, wie mir gesagt wurde und Lindsay organisierte mir den ersten Zugang zum Internet gleich neben einem verkabelten Fisch, der ab und zu seltsame Zuckungen machte…

Später fuhren wir gemeinsam in einen Segelclub, wo wir ein paar Leute aus Canberra des CSIRO – Instituts trafen. CSIRO hat ungefähr den gleichen Stellenwert wie bei uns das Max-Planck Institut und es war ein sehr lustiger, geselliger Männerabend. Vor allem erfuhr ich näheres über Lindsay und lernte auch seine Frau Nicola kennen – und zudem noch den typischen Häuserstil in Darwin aus dem auch sein Haus bestand.

Diese Häuser sind auf „Stelzen“ gebaut und die Holzwände haben kleine Löcher in den Wänden, so dass in der Regenzeit immer ein Luftzug herrscht und auch von unten Luft heran kann. Glasfenster gibt es nicht, sondern nur festinstallierte „Jalousien“ mit Mückengitter davor, die dann manuell anzuklappen gehen.

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Der Sonnenuntergang, den ich an diesem Abend über dem Meer erlebte war ganz anders, nicht der typische, tief orangene Ball, wie man ihn aus der Karibik oder von Capri vor Augen hat, nein es war ein helles, kräftiges Gold-gelb, dazu das tiefdunkelblaue Meer und dazwischen die Silhouetten der Segelboote – es war wirklich malerisch unecht! Durch den scharfgezogenen Horizont sah man die Sonne buchstäblich verschwinden, besonders hier in Äquatornähe wird die Rotation der Erde und damit der Lauf der Sonne als besonders schnell empfunden.

 

Samstag 8.7.06:

Wieder auf Anraten Lindsays fuhr ich diesmal tatsächlich früh 9Uhr nach „Parap“, ein weiteres Suburb in Richtung Darwin an dem es jeden Samstag einen Markt gibt.

Das Marktleben ist zu Europa vollkommen unterschiedlich und immer zweigeteilt: ein Teil mit unheimlich viel Essen, vor allem aus Südostasien, und ein Teil in dem es eigentlich nur Schmuck und Accessoires gibt.

Markt bedeutet auch immer Musik und viele Menschenmassen, allerdings sind diese hier rücksichtsvoll und raumlassend im Gegensatz zu dem achtlosen Gerämpel in Deutschland.

An diesem Tag habe ich wohl bis jetzt das meiste Geld gelassen, denn ich fand endlich einen Lebensmittelmarkt in Casuarina – nämlich Woolworth – ja genau! Bei uns in Deutschland ein billiger Ramschladen hier ein Supermarkt! Deshalb fand ich zu Beginn auch keine Nahrung.

Leider war das hübsche Muffinmädchen nicht da.

Also ging ich brav zurück um mich mit Lindsay für einen Experiment-Exkurs zu treffen. Jedoch wurde die Rezeption neu gestrichen und so verfehlte mich Lindsay Nachricht für unseren genauen Treffpunkt. So beschloss ich am Strand entlang zu spazieren und ein paar Strand-Impressionen mit meiner neuen Digitalkamera einzufangen. Das Fotografieren sollte hier zu meinem Hauptsport werden. Ich ließ keinen Moment verfallen und hielt ihn fest, um ihn mit meinen Freunden in Übersee später teilen zu können, denn hier hatte ich ja niemanden der mein Glück verdoppeln konnte.

 

Sonntag 9.7.06:

Ich stand spät auf (15:30) dafür war ich auch am Abend zuvor früh ins Bett gegangen.

Die Rezeption hatte immer noch zu. Der Bus fuhr nur bis 19Uhr, so dass mein Plan nach Darwin zu fahren vereitelt wurde. Offenbar stand der australische Sonntag dem deutschen in nichts nach. So schaffte ich es noch gerade so rechtzeitig in Casuarina eine Zeitung von gestern zu kaufen um in der „Northern Teritorry News“ nach ein paar Share-House-Annoncen zu schauen – 3 hörten sich ganz gut an.

Morgen werde ich mich mit Lindsay besprechen, denn er wollte eine Rundmail durch die ganze Uni schicken und mich außerdem auf eine Probe seiner „Garagen-Band“ mitnehmen, sowie zu einem Tennis und Volleyballtraining entführen.

Das ist das ganz Besondere der Menschen hier, sie sind unwahrscheinlich offenherzig, aufmerksam, vertrauensvoll und wie das Wetter hier – auch sonnig von ihrem Gemüt. Daher ist irgendwie alles möglich. Man darf nur keine Scheu haben auf die Menschen zuzugehen und sie zu fragen. Lindsay sagte: „Ich kann den blauen Himmel schon nicht mehr ab, überall nur Blau. Blau, Blau, Blau wohin das Auge reicht. Ich freue mich wirklich schon auf die Gewitterstürme Ende September!“

Ich hoffe Lindsay morgen wieder anzutreffen.

Meine Verfassung hat sich etwas verschlechtert, so dass ich morgen endgültig einen Arzt aufsuchen werde.

Mein Fast-Vollmondspaziergang war unbeschreiblich schön und beruhigend. Man kann seine Gedanken überall hin schweifen lassen und sich in der Unendlichkeit dennoch geborgen fühlen.

 

Montag 10.7.06:

Ich verbrachte die Nacht vor dem Fernseher im Study-Room zusammen mit zahlreichen anderen französischen Studenten um von 3 bis 7Uhr das WM-Finale „Life“ mit zu verfolgen. (dies geschah erst nachdem ich lautstark von diesen beim ersten Tor geweckt wurde) Frankreich – Italien lautete das Finale und nach einem dramatischen Elfmeterschießen konnte es Italien für sich entscheiden.

In meinem improvisorischen Büro – gleich neben dem zuckendem Fisch – recherchierte ich noch einmal nach meinen möglichen Borreliose-Symptomen, es wurde nur noch schlimmer: eingeschüchtert begab ich mich zum Medizinischen Zentrum. Die nette Ärztin nahm mir den Wind aus den Segeln: keine Infektion; nur Einbildung! Ja selbst mein trockener Husten war nur ein Resultat der zahlreichen Klimaanlagen. So ging ich um 65$ und ein Panikgefühl erleichtert wieder zurück zu meinen weniger glücklichen Fischen. Die kommenden Tage sollten actionreicher werden.

 

Dienstag und Mittwoch 11.+12.7.06:

Landet man nicht im Südosten von Australien, also in den großen Städten Melbourne, Sydney, Canberra und Adelaide, die ein recht europäisches Flair ausstrahlen, kommt man um eine abenteuerliche Geländerallye-Erfahrung nicht drum herum, will man von A nach B. So landete ich von Lindsay initiiert in einem Geländewagenkurs – eine Grundausbildung, wie sie jeder in Darwin machen sollte, so meinten zumindest meine etwas älteren Kurskameraden. Und sie haben recht! Wie kommt man aus einem knietiefen Sand wieder raus? Oder einen 60° steilen Berg hinauf? Mit Erfahrung, im wahrsten Sinne des Wortes!

Es machte einen riesigen Spaß durch 1m tiefe Wasser zu fahren, flankiert von Krokodilen und die „Karre“ so richtig tief in den Matsch zu versenken, um sie dann mit einer Winde wieder heraus zu zeihen oder einen scheinbar unpassierbaren Berg hinauf und hinunter zu fahren. Aber das interessanteste Gefühl war das Fahrzeug auf der rechten Seite zu verlassen und alle klatschten und gratulierten mir es gut gemeistert zu haben. Die Gruppe machte mir solch einen Mut, das ich meinen könnte in einer Selbsthilfegruppe zu sein. Aber das ist die Art der Australier. Immer nett und unheimlich sozial. Ich glaube man würde immer jemanden finden der einem unter die Arme greift und bräuchte nie verhungern.

 

Donnerstag 13.7.06:

Heute traf ich Des Yinfoo. Er ist wirklich ein netter, aus China stammender Hydrogeologe. Er wohnt schon seit 20 Jahren in Darwin und arbeitet für das Northern Teritorry Government.

Erste Pläne für meine mögliche Diplomarbeitziele wurden geschmiedet. Und mit dem Hinweis auf die nützliche Bibliothek, ging mein kurzer Besuch in Palmerston zusammen mit Lindsay zu ende. Der Stuart Highway führt seit 1966 von Adelaide ganz im Süden von Australien quer durch die Wüste des Outback bis in den hohen Norden nach Darwin. Entlang dieses Highways entstanden viele kleine Ortschaften denen meistens eine einfache Versorgungsstation (Tankstelle mit Laden) zugrunde lag. 3000 und ein paar zerquetschte Kilometer ununterbrochene, gerade, monotone Straße. Folgt man dem Highway von Darwin kommend nach Süden, passiert man eben Palmerston als erstes, dann folgt Noonamah, Adelaide River, Katherine und dann irgendwann Alice Springs, wo der berühmte Ayers Rock oder wie der zunehmend populäre Aborigine Name: Uluru aus der planen Wüste, wie ein schlafender Riese ragt.

 

Wochenende 15./16.7.06:

Da eine nähere Bekanntschaft bis hierhin verwehrt blieb, nutzte ich die Wochenenden intensiv um Fotos dieser herrlichen Natur zu machen. Nicht umsonst wird Darwins Küste „Sunset-Beach“ genannt. Aber ich konnte mich auch zunehmend in meinen neuen Büro einrichten, welches ich am Freitag erfolgreich organisierte.

So tat ich meine Hauptarbeiten – das Studieren wissenschaftlicher Aufsätze –  ebenfalls in den „freien“ Nächten. Dies liegt zum einen an dem immer noch wirkenden Jetlag und zum anderen an mir selbst ?. Es gibt wohl kaum einen Nachtschwärmer wie mich. In der Zeit der Stille und Ruhe können sich die Gedanken am besten entfalten, keine Ablenkung keine Unterbrechung durch Pflichten oder Mahlzeiten.

 

Montag bis Donnerstag 17.-20.7.06:

Diese Tage waren meine letzten in dem zunehmend belebteren NFIH-Heim und meine bislang fleißigsten ?.

Lindsay war unterwegs im Kakadu-Nationalpark. Bei seiner Rückkehr am Mittwoch wollte ich mit den 25 Aufsätzen fertig sein, die ich als interessant markiert hatte und sich auf meinem Schreibtisch stapelten.

Am Donnerstag sollte eine große Überraschung auf mich warten. Ein Hubschrauberflug!!! Zusammen mit Lindsay und dem Waldbrand-Beobachtungsteam, die den Hubschrauber stellten, ging es entlang dem Howard River, meinem zukünftigen Forschungsgebiet.

Der Helicopter war fast vollkommen aus Glas, so dass ich einen ununterbrochenen Rundumblick hatte. Wenn man jemals wirklich das Gefühl des „Fliegen können“ erlebt, dann gewiss in solch einer technischen „Glaslibelle“ oder einem Paragleiter.

Die Landschaft floss gleich dem Fluss unter mir entlang und Wälder wie Kängurus spielten darin wie kleine Modellfiguren. Es war einfah ein unglaubliche, schöne, adrenalinreiche aber auch laute Erfahrung. Am liebsten wäre ich damit über ganz Australien, ja um die ganze Welt geflogen!

 

Freitag 21.7.06:

Heute sollte ich nun den australischen Busch zum ersten Mal aus nächster Nähe erleben.

Des führte mich zu den verschiedenen Stationen entlang des Howard River, darunter auch Howard Springs – ein in ganz Australien bekannter Ort, wo man baden kann und gleichzeitig die größte Vogelvielfalt der Erde genießt.

Ich hatte mir einige Fragen vorbereitet bzw. kamen mir auch während unserer Fahrt in den Sinn. Als ich damit Des ununterbrochen löcherte, war er schon zu einem Sieb geworden, denn nun öffnete er mir erst die Augen und ich merkte wie jungfräulich und unerforscht diese Gegend ist. Keine meiner Fragen konnte er mir Sicherheit beantworten. Für mich als Deutscher, dessen Heimatland bis auf jeden Quadratmillimeter untersucht wurde, war dies eine völlig neue Erfahrung und ein aufregendes Kribbeln machte sich in mir breit. Dieses unbeschriebene Land konnte ich nun mit wirklich neuen Ideen – wie die ersten Pioniere – mit neuen Theorien beleben.

 

Wochenende 22./23.7.06:

Mein Umzug aus dem Studentenwohnheim in meine dauerhafte Bleibe, endlich! Nachdem ich schon in Deutschland Wochen auf einem Sofa verbrachte, um auf mein Visum zu warten und schließlich die tagelange Reise hinter mir hatte, war ich mehr als froh in dieses wundervolle Haus einzuziehen. Neben dem schönen, großen attraktiven Bett, welches mir netterweise meine Vorgängerin hinterließ, war auch der Pool und meine beiden Mitbewohnerinnen von gleichem Reiz.

 

Wochenende19./208.06: Kakadu National Park:

Ein weiteres einschneidendes Erlebnis war meine erste Exkursion in den Kakadu National Park. Seinen Namen hat er nicht etwa von den gleichnamigen Vögeln, sondern von der Sprache der Aborigines, die Gagudju sprachen. Der Stammesälteste der Beritju, war der letzte der diese Sprache beherrschte, er starb vor wenigen Jahren.

Die Gelegenheit ergab sich durch das Angebot zahlreicher und sehr netter Franzosen, die ich ein Woche zuvor kennen lernte und schon nach wenigen Tagen zu sehr guten Freunden zählte. Ich glaube im Ausland, außerhalb des gewohnten Alltags ist der Mensch sowieso viel offener, da er selbst viel kennenlernen will und weiß, dass er soziale Kontakte braucht um zu überleben und natürlich weil er schon immer neugierig war, gerade was das Leben anderer Menschen angeht. Nicht zu letzt spielte bei mir auch das Teilen der vielen, wunderschönen Eindrücke ebenfalls eine entscheidende Rolle. Die Landschaft und jeder Exkurs der damit verbunden ist kann nur als abenteuerlich und wild beschrieben werden und dadurch besonders reizvoll, faszinierend und traumhaft schön! Allein wenn ich mir überlege, dass das Versagen des Autos eine Strapaze in diesen Weiten bedeuten kann, wenn nicht gar den Tod, enn man sich in der australischen Wüste befindet.

Die unendlichen weiten, trockenen Savannen bestückt mit vereinzelten Eukalyptusbäumen, die bis zum Horizont reichen und wo der Blick  ab und zu von sonnenbeschienen rot-warmen Felsen durchschnitten wird, lassen nur ahnungsweise einen Eindruck von diesem rauen, riesigen, dünnbesiedelten Kontinent zu.

Am schönsten fand ich die Nacht in der wir zusammen vor unseren Zelten auf der Wiese lagen und in den unvergleichlich klaren Südsternhimmel schauten. Und ich erst einmal verdauen musste, dass das keine Wolke war, die uns die Sicht versperrte, sondern die Milchstraße! Diese war hier so stark ausgeprägt! Im Grunde machten wir die Nacht nahezu durch, da wir beim Morgengrauen eine Schiffstour entlang des Yellow-Water-Sumpf gebucht hatten.

Auch dies war ein überwältigendes Erlebnis auch wenn ich dies nur unzulänglich aufgrund hoher Müdigkeit genießen konnte, aber so viele und verschiedene Vögel hatte ich noch nie auf einen Haufen gesehen, geschweige denn so viele freilebende Krokodile!

Nachdem wir danach gefrühstückt hatten, wanderten wir noch zu vereinzelten sehr schönen Aussichtspunkten (mir gehen langsam die Adjektive und Superlative aus um die bezaubernden Eindrücke zu beschreiben!). Bei der Rückfahrt schlief die ganze Rückbank und ich wechselte mich mit dem Fahrer ab. Wir nahmen auch kurzzeitig eine Frau mit, die eine Autopanne hatte, woran man merkt, dass ein fahrtüchtiges Auto keine Selbstverständlichkeit ist!

Während der Fahrt konnte ich auch ein wenig sinnieren…

Hier saß ich nun zusammen mit vier Franzosen im Auto auf einem der unendlich langen Highways, die zum Horizont führten und scherzte mit ihnen und vertraute ihnen mein Leben an und hätte auch meine Hand für sie ins Feuer gelegt (Solche unausgesprochenen Vertrauensverträge geht man zwangsläufig und automatisch ein, wenn man sich zusammen mit jemandem auf einen Trip in den Busch einlässt).

Und dann schweiften meine Gedanken zurück zu meinem Großvater, der genau in meinem Alter einen Krieg führen musste, der niemals der seine war, im Flugzeug gegen Franzosen. Er verlor beinah sein Leben und verlor seinen linken Arm durch einen Franzosen. Ich wäre beinah nicht auf der Welt, wenn der Franzose damals „besser“ getroffen hätte. Vielleicht war es sogar einer der Großväter dieser jungen Menschen, die jetzt friedvoll auf dem Rücksitz schliefen. Und vielleicht wäre ich einem weiteren oder anderen Franzosen begegnet, wäre dessen Großvater nicht im 2.Weltkrieg gefallen…. Auch damals müssen diese jungen Männer doch Träume gehabt haben, müssen liebevolle, nette Menschen gewesen sein. Welche Macht muss doch die „Masse“ infiziert durch einen Einzelnen auf ein Individuum haben, dass sich junge Menschen, die sich so viel zu erzählen hätten wie wir, so viel mit einander teilen könnten wie wir und die ihr gesamtes Leben noch vor sich hatten wie wir – gegenseitig ermorden???

– Und wir lachen zusammen, umarmen uns zum Abschied und schwören uns, uns wieder zu sehen, uns zu besuchen – als gute Freunde und das nur 60 Jahre nach dem 2. Weltkrieg.

Gut, dass der Mensch verdrängen kann, schlecht, dass er vergisst!

 

Nun ist es still hier im Dschungel. Kein Fröschequaken, kein Vogelzwitschern, kein Windrauschen. Alles wartet auf den großen Regen, der den Beginn der Regenzeit einleitet.

Nein ich bin nicht irgendwo in der Wildnis, ich sitze in einem Schaukelkorbsessel unterhalb eines Stelzenhauses in unserer Küche im „Freien“. Vor mehr als zwei Monaten bin ich hier in dieses „Tropenhaus“ eingezogen, mitten in einem von Menschenhand hochgezogenen Regenwald mit großer Feuerstelle und Swimmingpool in seinem Inneren.

14 „Ureinwohner“ beherbergt der Wals, mich eingeschlossen, sowie dessen Besitzer: Suzie.

Über Walther, meinen Percussionlehrer und Freund bin ich hierher geraten.

Am 16.9.06 bin ich zum ersten und wahrscheinlich letzten Mal auf einem Fahrrad umgezogen: Die Krackse auf dem Rücken, den kleinen Rucksack vor dem Bauch, die Gitarre und Lebensmitteltüten am linken Lenkergriff, den Laptop am rechten Lenkergriff und das über 2km bei 33°C im Schatten.

Einen Tag später sah ich mich bereits auf einer einwöchigen Northern Teritorry-Rundfahrt mit zwei Französinnen und einem Franzosen. Ein wunderschöner Abenteuerurlaub bei dem ich zum ersten Mal der Älteste Anwesende war. Wir waren wie eine kleine Familie, drei im Zelt und einer abwechselnd im Auto schlafend.

Vom Norden Kakadu’s – „Ubirr“ mit einer Paradiessicht und 40000Jahren alten Felswandgemälden, runter zum Norlangie Rock zu den Wasserfällen im Süden über die Edith-Falls nach Katherine, wo wir eine einzigartige Kanutour auf dem Katherine River machten, umringt von hohen, canyonartigen Felswänden und Krokodilbrutwarnschildern.

Auf unserer Rückfahrt verbrachten wir eine Nacht in Litchfield, badend im Wasserfallbecken. Der letzte Sonnenuntergang unserer Reise genossen wir über dem Mosaik von majestätischen Termitenhügeln.

Zurück – empfing mich ein großes Zimmer bestückt mit antiken Möbeln, einem großen Spiegelschrank und einem Doppelbett. Die ersten Sonnenstrahlen im „Tropenhaus“ lockten mich auf meine kleine gemütliche Terrasse, von der aus man in das Dschungelgeschehen blicken kann, in dem die buntesten Vögel ihrem Morgengeschäft nachgingen und Pythonschlangen vollgefressen von den Bäumen plumpsten.

Darauf folgten meine ersten selbstständig geplanten „Buschoperationen“ in denen ich eigenständig auf den Linksverkehr losgelassen wurde und mein „Können“ in der Savanne testen konnte. Ich glaube zwei Bäume waren nicht so froh darüber und auch das Auto hätte wohl lieber seine Heckklappe und einen Frontscheinwerfer mehr behalten wollen….

Aber ich denke durch Versuch und Irrtum lernt die Zukunft von der Geschichte!

Eine weiter Entscheidung sollte sich als glücklich und fruchtbar zeigen:

Ich begann mit Indoor-Football (Soccer). Auf einem kleinen Feld von ungefähr 40*10m spielen mindestens zwei Frauen und drei Männer gegen benfalls 5 gemischte Spieler. Neben dem Effekt, dass ich das erste Mal so richtig in Kontakt mit dem deutschen Nationalsport kam, lernte ich auch bezaubernde, unendlich liebe Freunde kennen. Jedoch lustigerweise nicht unbedingt im eigenen Team, sondern in einem anderen lokalen Team, wenn man bedenkt, dass mein eigenes Team zu seiner Blütezeit aus 11 verschiedenen Nationen bestand!

11Nationen:

Patricia=Kroatien

Mi Wa= Japan

Greg=England

Steve=Australien

Sebastian=Argentinien

Riccardo=Brasilien

Sandra=Frankreich

Chris=USA

Clémence=Belgien

Davide=Italien

Ich selbst=Deutschland

Vier Portugiesinnen, ein soeben einheimisch gewordener Engländer und zwei (Ur-) Darwiner bildeten das sogenannte lokale Team „Nakara“. Ich spielte mit diesen oft „Scratch Matches“ also Freundschaftsspiele, die stundenlang gingen und am meisten Spaß machten, da die eigentlichen Punktspiele nur 30 Minuten betrugen. Die letzten beiden Monate, die normalerweise die Landschaft in den Herbst kleiden, waren intensiv von dieser Freizeit und dem Versuch meine Diplomarbeit zu Ende zu bringen, geprägt.

Viele Abschiedsparties, Barbecues, Geburtstagsfeten, letzte Reisen und Buschtrips folgten aufeinander und ich konnte mich in dieser Zeit immer mehr mit meinen Freunden enger anfreunden, was den Abschied überall immer schwerer machte.

Hat man auf einmal einen konkreten Tag, ein Ziel, ein Maß, vergeht die Zeit plötzlich wie im Flug…

Meine ersten Monsun-Regenfälle waren fantastisch, ein schneller Storm angekündigt von einem entfernten Grollen, schiebt die Wasserfront auf uns zu und –  da standen wir in der nassen Wand aus zusammengereihten Tropfen, die die Sicht wie ein Nebel auf 5m verkürzte und das warme Salzwasser in der Kleidung gegen kühles Frischwasser austauschte!

Als uns der Monsunregen ereilte waren wir im Black Creek Jungle und: arbeiteten einfach weiter! Woher die Nässe kam war uns egal gewesen! Es verscheuchte die vielen Mücken, die alle Lebewesen im Regenwald plagen und machte Krokodile in der Nähe agil, weshalb generell erhöhte Vorsicht bei Regen gilt!

Meine anderen Regenzeiterlebnisse erfrischten die heiße Nacht in meinem Zimmer, die einen Schlaf trotz Ventilator auf Hochtouren unmöglich machte. Gegen 4Uhr morgens trommelte der Regen auf das Blätterdach des Waldes, ein Geräusch als wäre man an einem Wasserfall. Und in der Tat die Temperatur sank um ganze 10°C: Bettdecke und abgeschalteter Ventilator waren auf einmal nötig!

Ein zweiter Regen folgte kurz darauf zum Sonnenaufgang und erzeugte einen wunderbaren Regenbogen oder eine Regenbogenschlange wie die Aborigines glauben! Aber auch ein gruseliges Phänomen ereignete sich: 200 Fledermäuse tummelten sich chaotisch Deckung suchend in unserer Küche unter dem Haus, rissen dabei Geschirr, Gewürze und Bilder von Regalen und Wänden, erzeugten transsilvanische Laute und Fantasien. Nach zehn Minuten war alles schlagartig vorbei und kein geflügelter Verwandter war zum Essen geblieben.

Nun hier allein sitzend hat die Zeit mich auch eingeholt und in drei Tagen bin ich selbst derjenige, der verabschiedet wird. Diesen Satz zu schreiben fällt mir sehr schwer, ist er doch wie ein unwiderrufliches Urteil. All die vielen Erlebnisse, der lebenskünstlerische Lebensstil, die vielen Menschen, der tropische Alltag den/die man kennen und lieben gelernt hat und gelebt hat werden einfach verlassen, als würde ich von einem Tag auf den anderen beschließen anders zu leben. Bald wird all dies hier wie ein weit entfernter Traum sein, wie eine Geschichte mit all seinen Charakteren und Inventar, eine andere Welt, die ich innerhalb eines Tages hinter mir lasse.

Auch dies ist Teil unserer Moderne: Die Übergänge und Grenzen zwischen Räumen werden immer kürzer, dünner und kleiner, wieviel Zeit haben wir denn noch zum Verarbeiten, Nachvollziehen, Genießen?

Wieviel ist in unserem Leben Ablenkung, wie viel Besonnenheit im Augenblick? Wieviel können wir erreichen in unserem Leben, wieviel Menschen können wir kennen und in Kontakt zu ihnen bleiben und wovon hängt all das ab? Von unseren Entscheidungen? JA!

Von all unseren Entscheidungen in der Summe, die jeder Mensch in jedem Augenblick trifft. Aber haben wir die Wahl bei unseren Entscheidungen oder sind diese vorbestimmt = Schicksal welches fest steht?

Ich könnte am Donnerstag einfach nicht in das Flugzeug steigen und mein Leben hier verbringen, ich kann aber auch meiner alten Entscheidung folgen und zurück fliegen zu einem neuen/alten Kapitel meines Lebens.

Wenn wir versuchen uns zu ändern ist es oft nur wie eine Fuge – wir variieren nur etwas das Hauptthema, verdichten oder dehnen unser Denken, führen es vielleicht in den Krebs oder ändern sogar den Generalbass und ändern unser Verhalten, aber ein unveränderlicher Kern bleibt erhalten, ein charaktertypischer Klang den keiner verliert.